Wenn die melancholischen Klänge einer spanischen Gitarre durch die Orangerie in Herrenhausen hallen, dauert es nur Sekunden, bis die kühle Winterluft draußen vergessen ist. Mit der aktuellen Produktion „Sentimientos“ (Gefühle) präsentiert das GOP Wintervarieté ein Meisterwerk, das weit über klassische Artistik hinausgeht. Es ist eine leidenschaftliche Hommage an die stolze Seele Spaniens.
Hier wird nicht nur Artistik gezeigt – hier wird Identität gelebt. Das spürt man in jedem Zapateado-Schritt und in jedem fokussierten Blick der Akteure.
Meine Kamera konnte die dramatische Intensität einfangen, die diese Künstler mit ihren Körpern erzählen. Das Programm bietet eine perfekte Balance aus Kraft, Eleganz und Humor:
Flamenco als Herzschlag: Die Tänzerin Alejandra Castel ist die Seele der Show. Ihr Tanz ist kein bloßes Schaustück, sondern die pure Verkörperung von Stolz und Emotion. Begleitet wird sie von den Musik-Comedians „Los Machos“ (Carlos Chavez und Miguel Sotelo), die mit ihren Gitarren nicht nur für den virtuosen Soundtrack sorgen, sondern auch den typisch spanischen Charme und Witz versprühen.
Kraft und Balance: Antonio Vargas Montiel verbindet in seiner Handstand-Akrobatik unglaubliche Kraft mit der Anmut eines Matadors. Es ist faszinierend zu sehen, wie er statische Höchstleistung in fließende, tänzerische Bewegungen auflöst.
Eleganz in der Luft: Wenn Beatriz Corral Grimaldo sich an den Vertikaltüchern in die Höhe schraubt oder das Duo Antonio Cargas und Juliet Toro an den Strapaten durch den Raum schwebt, entsteht eine poetische Dynamik, die durch das Spiel von Licht und Schatten – wie in meinen Aufnahmen zu sehen – besonders zur Geltung kommt.
Moderne Akrobatik: Johana am Pole und Suricata mit ihren Hula-Hoop-Reifen bringen eine moderne, fast schon hypnotische Komponente in das Programm. Besonders die wirbelnden Reifen im Gegenlicht (ein Motiv, das mich fotografisch besonders gereizt hat) erzeugen eine magische Atmosphäre.
„Sentimientos“ ist wie ein guter Rioja: gehaltvoll, feurig und mit einem langen Nachhall. Die Inszenierung beweist, dass modernes Varieté dann am stärksten ist, wenn es auf echte, ungeschönte Emotionen setzt. Das Ensemble spielt keine Rollen – sie teilen ihr kulturelles Erbe mit dem Publikum.
Fazit: Wer das GOP in dieser Saison besucht, sieht keine bloße Nummernrevue. Er erlebt eine spanische Fiesta, die so authentisch ist, dass man beim Verlassen der Orangerie fast überrascht ist, nicht unter dem Sternenhimmel Andalusiens zu stehen.